Im Bann des Sekundenzeigers - Wie die Mikro-Aufmerksamkeit unsere Gesellschaft im Würgegriff hält
Erstveröffentlichung in der Premium-Ausgabe Q2.2009 von Beraterzeitung.de zum 30.06.2009
von Jörg Osarek
Den Satz: “Früher war alles besser” unterschreibe ich nicht. Ich empfinde viele Entwicklungen als positiv und kann viele Möglichkeiten nutzen, um mein Leben und meine Geschäftte nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Natürlich haben wir heute große Probleme zu lösen und müssen auf Verschlechterungen reagieren. Gleichwohl glaube ich insgesamt, dass heute vieles besser als früher ist. Doch beim Flug durch die letzten Jahrzehnte bemerke ich hier und da Dinge, die mir furchtbar auf die Nerven gehen und die unterschwellig ein schemenhaftes Bild eines großen Phänomens erahnen lassen - dem Phänomen, das ich Mikro-Aufmerksamkeit nenne. Begleiten Sie mich auf der Reise durch einen imaginären Abend, vielleicht haben Sie an der einen oder anderen Stelle ein Déjà-vu.
Wenn ich abends bei einem meiner Kunden mein Tagwerk als Berater hinter mich gebracht habe, setze ich mich in mein wunderbares Auto und fahre in Richtung Heimat. Häufig genug Zeit, um ein wenig Radio zu hören. Eines meiner Hobbies ist es, Themen, Relevanz und Darstellungsart von Nachrichten miteinander zu vergleichen und so höre ich Nachrichten gerne zweimal hintereinander auf verschiedenen Sendern.Um 19:55 Uhr beginnen die Nachrichten auf dem einen Sender mit den Worten: “Fünf Minuten früher informiert”. Dieser Satz geht mir dermaßen auf den Geist. Schmunzeln musste ich, als ein Nachrichtensprecher auf einem öffentlich-rechtlichen Radiokanal einst sagte: “Fünfundfünfzig Minuten eher informiert”. Ist es relevant, ob ich fünf Minuten eher über wichtige Ereignisse informiert bin? Mir erscheint es wichtiger, gut, seriös und umfassend informiert zu werden, als schneller und oberflächlicher. Aber die Zeit scheint ein wichtiger Faktor zu sein.(Anmerkung: Inzwischen hat dieser Sender seinen Slogan umgestellt - nach vielen Jahren…)
Irgendwann in den Nachrichten kommen wir zum Thema Börse. Der Spezialberichterstatter beschreibt in blumigen Worten die letzten Ereignisse: “…Die Anleger strafen dies ab. Der Dax dreht ins Minus und schließt mit zwanzig Punkten Verlust, der Bulle kann sich nicht gegen den Bären durchsetzen.” Als würden da lebendige Tiere einen Wettkampf veranstalten. Das nächste mal höre ich eine packende Börsenberichterstattung, in der der Bulle gegen den Bären gewinnt und der DAX so neuen Schwung erhält und zweiundzwanzig Punkte im Plus schließt, was die Anleger honorieren würden. Ich frage mich wieder: Welche Relevanz hat es, permanent mitzufiebern, ob der DAX heute neunzehn Punkte fällt und morgen einundzwanzig Punkte steigt - außer für Intraday-Trader? Keine. Und doch ähneln sich alle Berichte von der Börse - vordergründig spannend aufgemacht, aber im Grunde irrelevant. Was völlig fehlt ist der Blick auf das Langfristige. Es ist so, als würde man bei einem Patienten ständig die Millisekunden zwischen seinen Pulsschlägen kommentieren, statt langfristig daran zu arbeiten, seine Kondition zu verbessern.
Es geht weiter. Der Sport ist an der Reihe. Es wird live zu einem laufenden Fußballspiel geschaltet. Der Reporter gibt sich krampfhaft Mühe, die zwei Minuten die er hat irgendwie zu füllen. Meist kann er über ein oder zwei Pässe berichten, gibt etwas Hintergrundinformation, verliert einen Satz zur Stimmung im Stadion und gibt dann zurück an das Nachrichtenstudio. Was ist der Informationswert dieses Ausschnitts? Es bringt nichts, wenn ich nur einen Zwischenstand kenne. Sich ein gutes Fußballspiel von vorne bis hinten anzusehen hat seinen Reiz. Auch das Anschauen der Schlüsselszenen oder einfach das nachträgliche Informieren über die Ergebnisse ist sinnvoll. Aber einen winzigen Ausschnitt zu hören und dann nicht zu erfahren, wie es weitergeht erscheint mir völlig überflüssig.
Ich fahre weiter. Nach einigen guten Hintergrundberichten in einem öffentlich-rechtlichen Sender, für den ich gerne meine Rundfunkgebühren zahle, höre ich zwei Lieder, dann ist die Werbung dran. Drei von fünf Werbesprechern schreien mich förmlich an. Ich wittere Sensationelles: “… Unglaublich. Die Preissensation. Nur für kurze Zeit. Wer jetzt nicht zugreift ist blöd…”. Aha, dann bin ich also blöd. Auch eine Art, die Herzen seiner Kunden zu gewinnen. Das Phänomen, jede Mücke durch maßlose Übertreibung zur Sensation zu machen, hat hier schon wieder zugeschlagen.
Dann zuhause Abendessen, den Laptop eingeschaltet und nebenher etwas Fernsehen (erwischt). Auf Twitter (twitter.com) sehe ich eine Vielzahl neuer Nachrichten. Ein Herr beschwert sich, dass es schon zwei Wochen am Stück bei ihm regnet, eine Dame berichtet haarklein über alles, was sie tut. Jetzt geht sie unter die Dusche. Ich bin sicher, ich werde es erfahren, wenn sie wieder herauskommt. Doch was davon ist wirklich relevant für mich? Ich habe das Gefühl, durch solche Micro-Blogs kompensieren wir etwas, das immer mehr verloren geht – unser Familienleben. Ich erhalte auch jetzt noch Mails von einigen Geschäftspartnern über ihr schickes mobiles Gerät (Ich habe auch so eins). Einige meiner Kontakte können ihr Gerät wirklich nicht ausschalten und fingern selbst in der “Freizeit” ständig daran herum. Ihre permanente Erreichbarkeit führt dazu, dass die Mitarbeiter in ihren Abteilungen sich gar keine Mühe mehr geben, selbst Lösungen zu erarbeiten. Warum auch? Der Chef ist ja sowieso rund um die Uhr erreichbar und wird sich schon darum kümmern. Der Vorgesetzte verkommt vom einst kühnen strategischen Lenker seiner Abteilung zum Babysitter. Auch hier wieder das Phänomen der hohen Aufmerksamkeit auf Zwischenstände und der Überbewertung von Detail-Ereignissen - der Mikro-Aufmerksamkeit.
Es ist spät geworden. Das Fernsehen lädt zum Zappen ein. Da läuft eine von vielen Gewinnshows. Haben Sie so etwas einmal über einen längeren Zeitraum verfolgt - so etwa 20-30 Minuten? Tun Sie es doch einmal - aber nur einmal, denn es ist immer das gleiche. Ein extrovertierter Moderator oder eine leicht bekleidete Moderatorin führen mit heiserer Stimme durch das Programm - und ständig befindet sich die Szenerie im Zustand der Sensation! Da heult auf einmal völlig unmotiviert eine Sirene auf und ein Blinklicht signalisiert: jetzt ist ein kritischer Zeitpunkt erreicht. Der Moderator brüllt: “Das gibts doch nicht… noch keiner hat die Lösung”, dabei lassen sie einfach keinen mit der Lösung durch, weil der Veranstalter das Geld noch nicht verdient hat und dann sagt er: “Nur noch zwei Minuten! Jetzt anrufen! Die Leitungen sind geschaltet”. Interessanterweise verstreichen nach dieser Deadline fünf Minuten, zehn Minuten und dann fünfzehn Minuten, ohne, dass die Show beendet wird. Die ganze Zeit ist er weiter so hektisch kurz vor dem Herzinfarkt, dass einem unbewusst die Finger zucken, jetzt doch schnell anzurufen. Schließlich kann man ja schon 86.000,- Euro gewinnen. Tun Sie es nicht. Es gibt nur einen Gewinner einer solchen Show und das ist der Veranstalter, der die Einnahmen der Anrufer kassiert. Ich zappe weiter und lande in der Wiederholung einer sensationellen Talkshow: “Ja Susi, Du wirst es nicht glauben, aber Dein Freund ist hier im Studio.” Susi macht ein völlig überraschtes Gesicht, als ihr angeblicher Freund unter dem tosenden Applaus der ebenfalls völlig überraschten Menge die Bühne betritt. Ich schalte den Fernseher aus und informiere mich noch über den letzten Stand der Nachrichten auf diversen News-Tickern. Ich überfliege die Überschriften und klicke nur bei zwei oder drei interessant klingenden Themen hinein. Wir lesen weniger und dafür schneller und oberflächlicher.
Beobachtungen zur Mikro-Aufmerksamkeit
Geschwindigkeit ist wichtig geworden. Doch fällt es zunehmend schwer, zu erkennen, was wirklich relevant ist, da wir uns ständig im Rausch der Geschwindigkeit und der oberflächlichen Reize befinden. Wie erklärt sich dieses Phänomen der Mikro-Aufmerksamkeit? Wie kommt es zustande? Was bewirkt es heute und zukünftig in unserer Gesellschaft? Und welche Handlungsweise wäre für uns die Richtige?
Fangen wir an mit einigen Beobachtungen. Genannt habe ich:
- Frühere (aber nicht vertiefende) Informationen in den Nachrichten und Konzentration auf schnell konsumierbare Nachrichtenschnipsel
- irrelevante Ausschnitte aus dem Börsengeschehen und vom Fußballfelld
- Sensationsheischende Werbung (Soll ich bei jemandem einkaufen, der mich anschreit?)
- Überbetonung der Mikro-Wichtigkeit durch Mikroblogs und permanente Erreichbarkeit durch mobiles Mail und Telefon
- Völlig irrelevante Talk- und Gewinnshows nach immer dem selben Schema, die eine nicht gegebene Wichtigkeit vorgaukeln (Es gibt auch gute und sehenswerte Talkshows zu wirklich wichtigen Themen mit niveauvollen Gästen - häufig da, wo ich als Gebührenzahler mein Geld beisteuere!)
Es geht weiter mit zusätzlichen Phänomenen:
- Konzentration auf schnell konsumierbares Essen. Süßigkeiten und Fast Food scheinen viel verlockender als gutes, qualitativ hochwertiges Essen, das richtig zufrieden macht.
- ständige Berieselung durch Musik und Informationen in vielen öffentlichen Bereichen
- übertriebenes “Zeitmanagement” mit dem falschen Fokus. Wir sind Weltmeister darin, durch Zeitmanagement unseren Tag mit viel mehr Terminen und Tätigkeiten vollzustopfen und sind dadurch abgehetzter denn je, weil uns die Pausen fehlen. Dennoch schaffen wir es meist nicht, die freigewordene Zeit nun mit strategisch wichtigen Aktivitäten zu füllen, die uns und unsere Unternehmen mittel- und langfristig weiterbringen. Wir schaffen es auch eher selten, diese Zeit einfach mal zu nutzen, gründlich über ein Problem nachzudenken, wodurch wir zu einer qualitativ besseren Lösung gelangen. Aber wir sind Meister des Sekundenzeigers, doch leider ist die Stoppuhr das falsche Instrument. Das richtige wäre der Kompass.
- Menschen lesen weniger Bücher als früher. Meine Frau sagte zu mir: “Früher habe ich keine Leute gekannt, die keine Bücher zuhause haben. Jetzt kenne ich ein paar.”
- Durch die ständig wachsende Komplexität in Technologie, Wissenschaft, Gesetzgebung und Wirtschaft müssen wir uns spezialisieren, wir können nur noch Ausschnitte sehen. Früher wussten wir vom Gesamtwissen der Menschheit mehr. Ich wusste schnell, wie eine Mikrowelle funktioniert und warum man keine Hunde hineinsteckt. Doch heute kann eine einzelne Person nicht mehr alles überblicken. Das ist eine Entwicklung, die nach einem neuen Konzept zur Beherrschbarkeit verlangt.
- Neue “sensationelle” Produkte kommen immer schneller auf den Markt. Versuchen Sie einmal, den gleichen Drucker oder Laptop zu kaufen, den Sie ein halbes oder ein Jahr zuvor gekauft haben.
- Software-Release-Zyklen werden bei steigender Komplexität immer kürzer. Wir kaufen neue Software nicht mehr nur, inzwischen können uns täglich neue Patches unserer Software online ereilen.
Thesen zur Mikro-Aufmerksamkeit
Die Welt ist viel komplexer geworden und die Geschwindigkeit nimmt stetig zu, die Entwicklung verläuft exponentiell. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir erkennen die Zusammenhänge nicht mehr, manche Interessengruppen wollen dies auch nicht. Man gibt uns wie den Bienen billiges Zuckerwasser statt wertvollen gesunden Honig und wir akzeptieren dies. Das ganze verlief über Jahrzehnte als schleichender Prozess. Nach und nach kam eine Kleinigkeit nach der anderen hinzu und prägt nun so das massiv wirkende Bild der Mikro-Aufmerksamkeit und der Beschäftigung mit Banalem.
Nüchtern betrachtet, ist es schlicht unreif, der Mikro-Aufmerksamkeit zu erliegen. Als Baby schreien wir wegen jedes winzigen Wehwehchens oder weil wir etwas haben wollen. Wir verfügen noch nicht über eine andere Möglichkeit, uns zu artikulieren. Alles wird zur Sensation, die wir sofort mit einem großen Gebrüll und Tränen kommentieren müssen. Später bewerten wir bestimmte Ereignisse nicht mehr so sensationell und finden andere Artikulationsmöglichkeiten. Stellen Sie sich vor, sie stehen im Bus und trinken den Rest aus Ihrer Cola-Flasche aus. Es ist heiß und Sie wollen noch mehr, aber die Flasche ist leer. Sie schauen kurz auf die Flasche, Ihr Mund verzerrt sich in einem Zittern und dann schreien Sie los und heulen, was das Zeug hält, weil keine Cola mehr da ist. Ich vermute, Sie hätten alle Aufmerksamkeit der Fahrgäste und des Busfahrers. Doch Sie tun dies nicht, weil Sie gelernt haben, dass es andere Wege gibt, eine neue Cola zu besorgen. Sie sind erwachsen geworden.
Von diesem Erwachsenwerden hält uns die Welt um uns herum an vielen Stellen ab mit ihrer Werbung, die uns anbrüllt, oder mit Nachrichten über Banalitäten, mit permanenten E-Mails, auf die wir sofort reagieren und mit sinnlosem Gezwitscher in Micro-Blogs. Und doch hat diese Berieselung eine große, nahezu hypnotische Macht über uns. Wie kann das sein? Und an dieser Stelle kommen wir vielleicht zum eigentlichen psychologischen Kern der ständigen Berieselung mit Banalitäten.
Alles ausknipsen?
Was passiert, wenn wir all das mit einem Mal ausschalten? Knips. Ruhe um uns herum. Wie wäre das, diese Ruhe um uns herum zu spüren? Was empfinden wir bei diesem Gedanken: Ruhe, Entspannung, Erholung oder eher unbehagen und aufsteigende Panik? Können wir mit unseren Gedanken alleine sein oder haben wir Angst vor der Stille? Angst, vor den Fragen, die uns dann plötzlich in den Sinn kommen könnten, wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen müssten? Erst, wenn wir alles ausgeschaltet haben, merken wir, wie sehr die ganze Berieselung und die Mikro-Aufmerksamkeit uns als ganze Gesellschaft in ihrem Würgegriff hält.
Glauben wir wirklich, dass wir in diesem Zustand des permanenten Drogenkonsums der trivialen Reizüberflutung die Krone der Schöpfung sind? Wie wollen wir in dieser Abhängigkeit die Geschicke der menschlichen Zivilisation und ihrer enormen Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten meistern? Wenn die Entwicklung wie bisher voranschreitet, was geschieht dann in unserer Zivilisation? Die Oberflächlichkeit nimmt weiter zu, ebenso wie der Einflussverlust von Individuen und Interessengruppen. Die Verdummung der breiten Masse schließt sich an und es droht eine Demokratie-Unfähigkeit.
Was muss sich verändern?
Wir müssen jetzt entscheiden, wollen wir Marionetten in der sich wandelnden Welt sein oder deren Mitgestalter? Wenn wir uns für eine aktive Mitgestaltung entscheiden und das auch ernst meinen, muss einiges geschehen. Wir brauchen mündigere Bürger, mehr Wissen, mehr Verständnis, mehr Niveau, um die Veränderungen der nächsten Jahrzehnte zu antizipieren und zu steuern. Dabei haben wir eine gemeinsame Verantwortung, das Problem der Mikro-Aufmerksamkeit zu lösen. Um diese Änderungen herbeizuführen, müssen wir unseren Aufmerksamkeitsfokus verändern:
- Von schneller Information zu verlässlicher Information
- Von der Aufmerksamkeit auf unwichtige Zwischenstände zur Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge und langfristige Entwicklungen
- Von der kurzfristigen Gewinnmaximierung zu langfristigem geschäftlichen Wachstum durch die permanente Erhöhung des Kundennutzens und der Kundenbegeisterung
- Von einer aktuellen Konzentration im Mikro-Bereich auf banale und unwichtige Themen hin zu einer Berücksichtigung von Mikro-Themen, die auch als kleine Details entscheidend für das Gesamtgelingen eines Vorhabens sein können (z.B. ein spröder Gummiring, der eine ganze Raumfähre zur Explosion bringen kann).
Die Frage stellt sich nach der Relevanz und den langfristigen Auswirkungen von Ereignissen und Entwicklungen. Panik bei jeder schlechten Nachricht oder überschwengliche Euphorie bei einem winzigen positiven Ereignis sind ein Zeichen für Unreife. Wir müssen erwachsen werden und uns nicht vom allgemeinen Kasperletheater den Kopf verdrehen lassen. Wir sollten uns nicht ständig durch billige Hypnosetricks von unserem Glück und den wirklich wichtigen Dingen ablenken lassen.
Verantwortung für die Zukunft?
Die Verantwortung für dieses Erwachsenwerden liegt bei den Medien-Gestaltenden und bei den Medien-Konsumenten. Bei der Politik, wenn es um Bildung geht, bei den Bildungs-Institutionen, Bildung nicht als langweiligen Lehrplan sondern mit Begeisterung zu vermitteln, denn mit dem Spaß am Lernen kommt auch die Motivation und das Engagement der Schüler. Und letztendlich liegt die Verantwortung bei uns selbst, da wir uns jeden Tag unzählige Male für die Ablenkung oder für die wirklich wichtigen Dinge entscheiden können.
Welche konkreten Maßnahmen können uns auf dem Weg der Entwicklung weiterhelfen? Diese Auflistung stellt einige persönliche Ansätze dar, die durch eine breite Diskussion nur besser werden können:
- Die öffentlich gesellschaftliche Etablierung von Respekt und gegenseitige Wertschätzung in allen Gesellschaftsschichten
- Langfristiges, vernetztes Denken nach Frederic Vester (Kybernetik)
- Das Reduzieren der Skandalpresse, indem wir solche Inhalte und Präsentationsformate nicht durch unser Geld und unsere Aufmerksamkeit honorieren
- Wir müssen allen Menschen dabei helfen, daran zu glauben, dass sie etwas wichtiges erreichen können, unabhängig von ihrem Schulabschluss - und wir sollten ihnen helfen, ihre Ziele in die Tat umzusetzen.
- Persönliche Mentoren, nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene: Erfolgreichere coachen Menschen, die noch in einem früheren Entwicklungsstadium stecken.
- Ganztagsschulen und Ganztagskindergärten ab 3 Jahren mit guter Betreuung durch Personen, die diese Kinder durch die ganze Zeit begleiten. Echte Betreuung von Kindern und Jugendlichen, nicht nur Beschäftigungstherapie oder herunterbeten des Lehrplans. Dadurch erziehen wir unsere Kinder zur Selbständigkeit und Selbstverantwortung(Anmerkung: siehe auch die Initiative www.adlerschule.de)
- Fördern der Masse in der Kinder- und Erwachsenen-Bildung, Ausbilden von Eliten, die mehr Verantwortung übernehmen können und wollen und Gewährleisten eines ausreichenden Praxisbezugs dieser Eliten (der Elfenbeinturm ist nicht mehr Wettbewerbsfähig).
Wir als Berater für Menschen und Unternehmen stehen in der besonderen Verantwortung zu handeln, indem wir die Aufmerksamkeit unserer Klienten wieder auf die wesentlichenn, nachhaltigen Dinge lenken. Wir alle müssen daran arbeiten, dass unsere Gesellschaft erwachsen wird, ohne den Spaß am Leben und an verrückten Ideen zu verlieren, die der Schlüssel zu großartigen Neuerungen sind.
Was können Sie konkret tun?
Achten Sie regelmäßig darauf: Versucht gerade jemand, Sie mit Mikro-Aufmerksamkeits-Tricks abzulenken? Führt dies dazu, dass Sie sich ständig im Kreis auf der Stelle drehen? Lassen Sie sich dies nicht länger gefallen. Beschweren Sie sich bei den Verantwortlichen darüber. Visieren Sie sodann Ihr mittelfristiges oder langfristiges Ziel an und gehen Sie unbeirrt los in diese Richtung. Schritt für Schritt geradeaus. Wie sollte es jemand schaffen, Sie abzulenken, wenn Sie Ihrer Bestimmung folgen? Welche Macht sollte er dann noch über Sie haben?
Terry Pratchett lässt in einem seiner Discworld-Romane den Tod dieses Paradox treffend beschreiben:
“Human beings make life so interesting. Do you know, that in a universe so full of wonders, they have managed to invent boredom.” - “Die Menschen machen das Leben so interessant. Wußtest Du, dass sie es geschafft haben, in einem Universum randvoll mit Wundern so etwas wie Langeweile zu erfinden?”
P.S.: Auch lesenswert dazu ein Artikel aus Brandeins, der mir nachträglich dazu bekannt gemacht wurde: Brandeins 07 / 2007: “Sie haben Ablenkung” von Thomas Ramge : www.brandeins.de


