Problemklassen und Lebenszufriedenheit - die VIGOR-Studie gibt Antworten
Interview mit Anti-Tretmühlen-Coach Nico Rose
Jörg Osarek: Sehr geehrter Herr Rose, vielen Dank für das Interview. Sie bezeichnen sich selbst als “Tretmühlen-Bremser”. Was erleben Sie, wenn Sie die Tretmühle eines Ihrer Klienten bremsen?
Nico Rose: Nun, wenn ich erfolgreich war, bekomme ich - nicht sofort - sondern eher nach einigen Wochen eine Mail oder einen Anruf vom Klienten, wo er oder sie mir von den positiven Veränderungen im Leben berichtet. Das ist sehr wichtig für mich, da ich meistens nur kurz mit den Menschen arbeite, max. 4-5 Sitzungen, häufig aber auch nur 1 oder 2.
Auch wenn das rein finanziell natürlich erst mal ein Nachteil für mich ist: ich sehe mich nicht als langjährigen Prozessbegleiter. Stattdessen versuche ich, innerhalb von kurzer Zeit und mit wenigen gezielten Interventionen die tiefliegenden (und daher meistens situationsübergreifenden) Blockaden und Knoten des Klienten zu erfassen und zu lösen.
Zur mir kommen daher häufig Menschen, die schon eine gewisse Geschichte von Coaching-, Therapie- oder sonstigen Selbsterfahrungserlebnissen mitbringen - und dann an irgendeinem Punkt stecken geblieben sind. Meine Stärke ist es, gerade solche Blockaden zu finden, die sich in vielen Lebensbereichen gleichzeitig negativ auswirken. Werden diese gelöst, hat das häufig eine ganze Kaskade von positiven Veränderungen zur Folge. Viele meiner Klienten bekommen nach den Sitzungen z.B. Feedback aus ihrem Umfeld, wonach sie - ganz unabhängig vom ursprünglichen Problem - offener, ausgeglichener und lebensfroher wirkten.
Jörg Osarek: Wie sind Sie von Ihrer Arbeit zur Idee der VIGOR-Studie gekommen und was verbirgt sich hinter den einzelnen Elementen? (VIGOR steht für Vision, Integration, Generalkonsens, Organisation, Rigorosität)
Nico Rose: Mit steigender Anzahl der Klienten und auch dank der Erfahrung meiner Mentoren habe ich mit der Zeit “Problemklassen” bei den Menschen entdecken können. D.h., bei aller Unterschiedlichkeit der Personen und ihrer Anliegen gibt es in der Regel Gemeinsamkeiten bei den unterliegenden Ursachen der Probleme. Und diese “Problemklassen” lassen sich praktischerweise in dem Akronym VIGOR (lateinisch: Lebenskraft) zusammenfassen. Die Studie hat nun gezeigt, dass alle Elemente des VIGORs einen bedeutsamen Zusammenhang mit der übergreifenden Lebenszufriedenheit von Menschen aufweisen.
Dahinter verbergen sich in etwa folgende Fragen:
(V): Weiß ein Mensch überhaupt, was er in diesem Leben erreichen möchte?
(I): Ist der Mensch in Bezug auf die Zielerreichung im Einklag mit sich selbst - oder gibt es “innere Gegenstimmen”?
(G): Hat der Mensch die innere und vor allem “systemische” Erlaubnis, das Ziel auch wirklich zu erreichen?
(O): Gestaltet der Mensch seine Prioritäten und die ihm zur Verfügung stehende Zeit derart, dass er überhaupt die Zeit findet, seine übergreifenden Ziele zu erreichen?
(R): Hat der Mensch - evtl. auch im Angesicht von Schwierigkeiten und Hürden - die nötige Energie und Motivation, das Ganze bis zum Ende durchzuziehen?
Das Fehlen einer oder mehrerer dieser Faktoren kann man mit folgender Metapher beschreiben. Mal angenommen, ihr Ziel wäre mit einem Marathon vergleichbar:
Fehlt Ihnen die Vision, laufen Sie zwar möglicherweise gut trainiert und voller Elan los, kommen aber nie am Ziel an, weil Sie gar nicht wissen, wo es sich befindet.
Mangelt es an der Integration, müssen Sie auf einem Bein ans Ziel hüpfen, weil das zweite Bein lieber in eine andere Richtung laufen möchte.
Fehlt Ihnen der Generalkonsens, tragen Sie entweder noch mindestens eine weitere Person auf der Schulter, oder Sie haben ein elastisches Band um die Hüfte geschnürt, dass sich immer stärker spannt, je weiter Sie kommen, um Sie dann - gerne schon kurz vor der Zielgeraden - mit ordentlich Schmackes wieder auf die Startlinie zurückzukatapultieren.
Hapert es an der Organisation, sind Sie möglicherweise gut und schnell unterwegs - als Ihnen auf einmal siedend heiß einfällt, dass Sie ja noch vier Brötchen und ein Viertelpfund Geflügelmortadella kaufen wollten. Um dann anzuhalten und genau das zu tun. Und auf einmal bemerken Sie, dass Sie Hunger haben und…
Und mangelt es Ihnen schließlich an Rigorosität, dann werden Sie schlicht und ergreifend die Segel streichen, wenn bei Kilometer Fünfunddreißig der Mann mit dem Hammer zuschlägt.
Jörg Osarek: Es haben in der ersten Version ca. 300 Personen teilgenommen. Was waren für Sie die TOP-3 Erkenntnisse aus der Studie?
Nico Rose: 1) Wer klar formulierte Ziele für sein Leben hat, ist (statistisch betrachtet) deutlich zufriedener.
2) Nur wer die “innere Erlaubnis” zur Zielerreichung hat, wird auch ankommen.
3) Es hat keinen Sinn, das Element Rigorosität/Motivation losgelöst von den anderen Faktoren zu betrachten. Diese ergibt sich vielmehr von selbst aus einer guten Lösung der vorgelagerten Themen.
Jörg Osarek: Welche Zusammenhänge hat die Studie hervorgebracht, die Sie überrascht haben?
Nico Rose: Nicht zwingend überrascht, aber umso mehr gefreut hat mich die Tatsache, dass der Faktor “Rigorosität” zwar für sich allein betrachtet einen bedeutsamen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit hat, aber in der systemischen Betrachtung mit den anderen Elementen des VIGORs an Bedeutung verliert. Auf gut Deutsch: Wer seine Einschränkungen auf den anderen Faktoren bereits bearbeitet hat, für den stellt sich die Frage nach der Motivation gar nicht mehr. Sie ist dann einfach da und muss nicht noch künstlich angefacht werden.
Jörg Osarek: Welche Empfehlung können Sie aus den gewonnenen Erkenntnissen Coaching- und Berater-Kollegen für ihre Arbeit mit an die Hand geben?
Nico Rose: Auch wenn das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Treffen Sie mit Ihren Klienten (und auch für sich selbst) eindeutige Zielvereinbarungen. Also sinngemäß: Woran wird der Klient merken, dass sich die Sitzung bzw. der Coaching-/ Beratungsprozess sich für ihn gelohnt hat? Das hört sich eher banal an, kann aber mitunter recht “tricky” sein. Die meisten Menschen wissen sehr genau, was sie nicht mehr wollen. Aber das ist ein bisschen so, als wenn sie dem Taxifahrer sagen, dass sie nicht in die Bahnhofstr. wollen. Und auch nicht in die Goethestr. Das hilft nicht viel. Stattdessen braucht es ein positiv formuliertes Ziel, auf das hingearbeitet werden kann. Es sollte ein “Hin zu” geben, selbst wenn die Motivation dafür aus einem “Weg von” stammt.
Und wenn das Ziel klar formuliert ist, ist es einfach eminent wichtig, zu überprüfen, ob der Klient die “innere Erlaubnis” zur Zielerreichung hat. Er sollte also für sich die Frage beantworten: “Darf ich das Ziel überhaupt erreichen?” Ich bin immer wieder überrascht, wie selten ich ein “kongruentes Ja” als Antwort auf diese Frage erhalte. Viel häufiger bekomme ich ein durch die Lippen gequetschtes “Hmm…eigentlich schon…” als Replik. Das hat meistens etwas damit zu tun, dass der Mensch sich aus (unbewusster) Loyalität mit seinem Familiensystem den Erfolg versagt. Oder aber: er möchte das formulierte Ziel schon erreichen, sich aber sich nicht mit den Konsequenzen und den anschließend anstehenden Aufgaben und Entscheidungen befassen.
Jörg Osarek: Sie führen derzeit eine zweite Runde der VIGOR Studie durch und wollen durch eine größere Teilnehmerzahl eine höhere Represäntativität erreichen. Wie kann man an der Studie teilnehmen und welche Belohnung winkt den Teilnehmern?
Nico Rose: Man kann den Fragebogen unter folgender Adresse online ausfüllen; das dauert ca. 5 Minuten:
www.voycer.de/umfrage/?sid=67282 (Anmerkung: An der Studie kann noch bis zum 12.Juni 2009 teilgenommen werden.)
Ich plane, auf Basis der Studienergebnisse ein Self-Coaching-Buch zu schreiben. Das kann allerdings noch ein Weilchen dauern, da derzeit meine Doktorarbeit Vorrang hat. Wenn es soweit ist, werde ich unter allen Teilnehmern, die eine Kontaktmöglichkeit hinterlassen, 20 dieser Bücher verlosen.
Ich habe aber auch schon von Teilnehmern die Rückmeldung bekommen, dass alleine das Beantworten der Fragen wie ein “kleines Coaching” wirken kann.
Jörg Osarek: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft als Coach und Berater?
Nico Rose: Zunächst natürlich viele veränderungsfreudige Klienten. Und für mich selbst hoffe ich einfach, dass ich immer neugierig und lernbereit bleibe. Frei nach dem Motto: “Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden.”
Jörg Osarek: Besten Dank für den interessanten Austausch.
Über Nico Rose:
Nico Rose ist Diplom-Psychologe und promoviert neben seiner Arbeit für eine Bad Homburger Unternehmensberatung an der European Business School - International University Schloß Reichartshausen.
Er ist zertifizierter NLP-Trainer und coacht Menschen in seiner privaten Praxis LIVIN´ROOM Coaching, Deutschlands erster Praxis für Anti-Tretmühlen-Coaching.
Weiterhin ist er Vorstandsmitglied des NLP Landesverband Hessen/Rheinland-Pfalz e.V. und moderiert seit drei Jahren das mitgliederstärkste deutschsprachige NLP-Forum im Internet (auf XING).
http://www.loesungen-zum-leben.de


